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Friedenskirche
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Gedanken zum Wochenende, 19.10.2019

Die Macht der Kerzen und Gebet

In diesen Oktobertagen 1989, also vor genau 30 Jahren: Die damals in zwei Machtblöcke in Ost und West geteilte Welt schaut auf Leipzig. Eine schmerzhafte Grenze zieht sich durch Deutschland. Das Land im Osten, die DDR feiert gerade ihr 40jähriges Bestehen, doch die Menschen halten die Unterdrückung durch das diktatorische SED-Regime nicht mehr aus. In der Nicolaikirche in Leipzig finden sie einen Ort und ein Forum, um offen über Reformen nachzudenken und ihrer Sehnsucht nach Freiheit Ausdruck zu geben. Die Kirche wird ein Raum, der „offen ist für alle“, die in friedlicher Gesinnung Verantwortung für eine bessere Welt übernehmen wollen. Schon seit Jahren hatte jeden Montag das Friedensgebet stattgefunden. Jahrelang wurde um eine friedliche Lösung gebetet. Nach dem Friedensgebet am 9.Oktober strömen die Menschen in den Straßen Leipzigs zusammen. Die Situation ist auf’s Äußerste gespannt. Würde die Staatsmacht Panzer aufrollen lassen und die Demonstranten zusammenschießen, so wie am 17.Juni 1953 in Berlin oder wie die Chinesen auf dem Platz des „Himmlischen Friedens“ in Peking? Doch 70.000 Menschen die mit einer Hand eine Kerze halten und mit der anderen Hand die Flamme gegen den Wind schützen, können keine Steine werfen.

Hilflose Antwort der Stasi-Führung auf die Demonstrationen in Leipzig im Oktober 1989: „Wir waren auf alles vorbereitet, nur nicht auf Kerzen und Gebete.“

Die DDR-Führung ist vollkommen verunsichert. Im Leipziger Einsatzzentrum im Stasi-Hauptquartier herrscht Chaos. Man versucht vergeblich aus Ostberlin einen Einsatzbefehl zu erhalten. Der Staatsratsvorsitzende Erich Honnecker und seine Genossen lassen sich verleugnen. „Machen Sie was sie wollen“, ist die einzige Antwort die zu bekommen ist. - „Keine Gewalt“ tönt es derweil aus zigtausend Kehlen von der Straße. „Keine Gewalt“ kommt auch als Signal aus Moskau: Der russische Präsident Michail Gorbatschow verhindert, dass die sowjetischen Truppen eingesetzt werden, so wie Honecker es sich gewünscht hätte. Und so fällt an diesem Abend kein Schuss. Panzerfahrzeuge werden zurückgezogen. Die Demonstration in Leipzig geht ohne Blutvergießen zu Ende und leitet damit die Wende zum vereinten Deutschland ein. Der Stadtkommandant von Leipzig bekennt kurze Zeit später: „Wir waren auf alles vorbereitet, nur nicht auf Kerzen und Gebete.“

An diesem Abend, verdichtet sich die deutsche Geschichte auf einen Punkt. Es wird etwas spürbar von der Friedensbotschaft Jesu, der gesagt hat: „Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig“. Der Ruf von Leipzig: „Keine Gewalt!“ ist die kürzeste Form der Bergpredigt Jesu (Matthäusevangelium Kap. 5-7).

Ein eindrucksvolles Zeichen in die Wirkung von Kerzen und Gebeten. „Gebet kann die Welt verändern“. Wir staunen darüber auch noch nach 30 Jahren.

Ich wünsche Ihnen ein friedliches Wochenende.

Ihr Pfarrer Bernd Töpfer, Evangelisch-Lutherische Kirchengemeinde Marktheidenfeld.

Die jeweils aktuellen Gedanken zum Wochenende können auch auf unserer Homepage: www.marktheidenfeld-evangelisch.de gelesen und heruntergeladen werden.

Die Andachten der letzten Jahre zu den verschiedensten Themen finden Sie unter „Gedanken zum Wochenende/Archiv“, - für den Fall, dass Sie selbst mal eine Andacht halten wollen…